Als Cowgirl in Wyoming

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Täglich 5 Stunden im Sattel - und nachts heulen die Kojoten

Die Wasserflaschen sind längst leer, der Staub klebt auf der Haut. Smokey, mein zuverlässiger Schwarzer, trottet willig die letzten Meter zum Bach hinunter. Er sehnt sich nach Wasser, ich mich nach kühler Coke. Fünf Stunden haben wir Rinder getrieben in der Weite der Prärie, mitten in Wyoming (USA) unter gleißender Sonne bei 35 Grad. Aber ich habe mir einen Traum erfüllt: Cowgirl im Wilden Westen!

 

Eine Woche Freiheit und Abenteuer auf der Bucking S Ranch "in the middle of nowhere" (in der Mitte von Nirgendwo). Einsamer geht’s nicht, die nächste Stadt, Casper, ist 100 Kilometer entfernt. Nur ein- bis zweimal am Tag wirbelt am Horizont eine Staubwolke auf, wenn ein Pick-up die entfernte Schotterstraße entlangsaust.

 

Silke Simon (39), eine ausgewanderte Deutsche, hat die über 100 Jahre alte Ranch gekauft und dort mit ihrem Lebensgefährten Dan Cochran (32) ein neues Haupthaus und Blockhäuser mit allem Komfort für maximal zwölf Gäste gebaut. In etwa 2000 Meter Höhe weiden auf 40 Quadratkilometern in mehreren Herden insgesamt 172 Mutterkühe plus Kälber sowie acht Bullen. Silke und Dan haben die Tiere in Pacht, füttern sie einen staubigen Sommer lang durch, bis sie im Herbst gemästet an die Besitzer zurückgegeben werden. Bestes Black-Angus-Rind, zart im Fleisch, genügsam und perfekt geeignet für das steppige Land.

 

Meine Mit(st)reiter in dieser Woche: Kate (33) und Kathy (42) aus England; Andreas (41), Michaela (39), Cedric (12) aus Deutschland und David (34) und Anne (31), das Flitterwochen-Pärchen aus der Schweiz, das seine Hochzeitsreise auf dem Pferd verbringen will.

 

Ganz cool in Jeans und Stiefeln, die Cowboyhüte in die Stirn gezogen, wuchten wir die 20 Kilo schweren Sättel aufs Pferd. Cowboy und Schmied Chris (31) und seine Freundin, das Cowgirl Sheila (42), kümmern sich um die Pferde - sandfarbene Quarter Horses, gescheckte Paint, stichelhaarige Appaloosa, goldene Palomino. Die Ranch-Mitarbeiter helfen uns beim Zäumen und Festzurren der Sattelgurte.

Staub pudert das Gesicht, die Kehle ist ganz trocken

Die Wasserflaschen in den Satteltaschen verstaut - gefroren, für längere Erfrischung. Wir laden die Pferde auf Anhänger, fahren mit zwei Dodge-Pickups zum Kühetreiben in die Prärie. Das Vieh verteilt sich in kleinen Gruppen auf den riesigen Weiden, die weiträumig umzäunt sind. In der Luft der Duft von Salbei, die Steppe ist staubig und steinig, es dominieren das fahle Grün der Salbeibüsche, das pastellige Rot der Felsen.

 

"Wir reiten hier nicht Nase an Schweif", sagt Silke. "Jeder sucht sich seinen eigenen Weg. Aber passt auf die Trittfallen auf!" Präriehunde haben Löcher in den Boden gegraben. Die Pferde scheinen einen sechsten Sinn für solche Gefahren zu haben. Sie bewegen sich absolut sicher im Gelände. Nie war Reiten entspannender.

 

Scary Lary ("schauriger Lary"), angestellt beim Nachbarrancher, ist die Vorhut. Mit seinem Quad, einem vierrädrigen Motorrad, brettert er über die Prärie, um die Kühe aufzutreiben. Eine Stunde folgen wir ihm schon - nichts. Dann endlich: "Hier sind sie!", brüllt er von einer Anhöhe. Im Schritt reiten wir zur ausgetrockneten Wasserstelle mit hohen Büschen und kreisen das Vieh ein. "Schreit", fordert Sheila uns auf und macht es vor: "Yeehaw!" Wir rufen zaghaft. Sheila: "Mehr!" "Yeehaw!" Schließlich übertönen unsere Rufe das laute Muhen der Tiere. "Schließt die Lücken", ruft Chris. Wir treiben die Rinder ins freie Gelände, verteilen uns. Ich reite am Ende - der mieseste Job: Die Rinder wirbeln vor mir den Staub auf! Das Gesicht gepudert, die Schleimhäute ausgetrocknet. "Achtung, Michaela!", schreit Cowboy Chris. Drei Tiere sind ausgebrochen. Die Hausfrau aus Lünen treibt sie beherzt zur Gruppe zurück.

 

Die brüllenden Rinder erreichen das Gatter. Ruhe jetzt! Das Vieh muss diese Engstelle passieren, um zum Grasen auf die benachbarte Weide zu gelangen. Ranch-Chefin Silke zählt durch: 42 Mutterkühe mit jeweils einem Kalb - da fehlen 26! Trotzdem bleibt sie entspannt: "Die anderen suchen wir nächste Woche."

 

Wir kommen dem Cowboymythos immer näher, reiten in die Berge, um dort unter freiem Himmel zu campieren. Der Pick-up ist unser Planwagen, der alles Nötige dabei hat: kalte Getränke, Hamburger, Schlafsack und Zelt. "Wer will im Zelt schlafen?", fragt Silke. Sofort schnellen einige Finger hoch - aus Angst vor den Klapperschlangen. Die sind allgegenwärtig und hochgiftig. Am Morgen noch hatte ich eine direkt vor Smokeys Hufen gehabt! Ihr Biss kann für den Menschen tödlich sein. Für Notfälle hat Silke immer ihr Satellitentelefon dabei.

 

Doch das nimmt nichts von der Lagerfeuerromantik. Tim (52), der Koch, hat famose Burger gebraten, nach dem Essen stimmt er seine Gitarre und singt mit Reibeisenstimme Lieder von Country-Ikone Patsy Cline, Bob Dylan und eigene Songs. Die Pferde grasen still am kleinen Bach. Wir lachen, erzählen Geschichten, und die Kojoten heulen dazu. Die Dosen mit Miller Beer zischen beim Öffnen, der "Peppermint Snapps" kreist. Abends glitzert der Sternenhimmel. Und ich habe eine Ahnung, was es heißt, sich frei zu fühlen.


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